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Mut zur Musse

//   26 Juli 2012  /  Lebensstil  /  0 Kommentare  /  4598 Aufrufe  //

Mut zur Musse

Unsere Ferien, unsere Freizeit sind voll durchgeplant, weil wir die «leere Zeit» fürchten. Wir haben verlernt, was wahre Musse ist – und was sie bewirken kann. Ein Essay.

Worin Musse besteht, ist nicht leicht zu sagen. Ist sie dasselbe wie «Freizeit» und «Erholung von der Arbeit»? Ist sie «dolce far niente»? Auf jeden Fall ist sie das Gegenteil von dem, was man auf sich nimmt, wenn man über «Musse» schreiben soll. Da soll man etwas leisten, Kluges schreiben, aber nur wenig Platz beanspruchen. Es soll zwar originell, aber nichts Kompliziertes sein, sondern schnell und leicht lesbar, auch am Strand. Und bei all dem sind noch kurzfristige Termine bei der Ablieferung des Artikels einzuhalten. «Musse» ist ein Wort aus alten Zeiten. Bei den alten Griechen bedeutete es das Freisein von Staatsgeschäften und ökonomischen Tätigkeiten. Musse war also eine Art von Freiheit, nicht von Freizeit. Sie war eine Voraussetzung, um sich philosophischen Fragen zuzuwenden, die banale, alltägliche Sorgen hinter sich liessen. Aristoteles erklärte, dass Tyrannen Gegner jeder Musse seien, denn durch diese würden ihre Untertanen auf rebellische Gedanken kommen. Wer in alltägliche Geschäfte eingespannt ist, von dem ist keine Infragestellung der Macht zu befürchten. Die Zeiten haben sich geändert. Wer heute Musse sagt, meint Müssiggang, der aller Laster Anfang sei. Kein Wunder, dass unsere Ferien ebenso wie die Freizeit voll durchgeplant sind. Fitness, Sport und Abnehmen, Sprachen lernen oder Museumsbesuche sollen unsere Freizeit, vor der wir uns als leere Zeit fürchten, mit betriebsamer Geschäftigkeit füllen.

Verbündete der Langsamkeit

Die Musse scheint etwas Angsterregendes geworden zu sein. Vielleicht weil sie eine nachhaltige Form des Widerstandes gegen die Tyrannei des Zeitgeistes anbietet? Während der Zeitgeist im Zeichen der Geschwindigkeit und Beschleunigung steht, verbündet sich die Musse mit der Langsamkeit. Wer die Musse pflegt, muss den Lebensrhythmus verlangsamen. Schritt für Schritt und nicht im Fluge kommt man voran und nimmt in und um sich wahr, was sich dem, der einem bestimmten Ziel zueilt, entzieht. Musse ist eine Art Ausstieg und treibt einen an den Rand dessen, was geschieht. Von da aus erkennt man, in welchem Masse die Geschwindigkeit wie ein roter Faden im Werte- und Verhaltenssystem unserer Gesellschaft eingewoben ist. Der Sport zeigt besonders deutlich, wie unsere zentralen Werte inszeniert werden: Leistung, Effizienz, Wettbewerb – schneller, höher, weiter soll es gehen. Und nun versuche man sich den Sport unter dem Vorzeichen der Langsamkeit vorzustellen! Der Letzte, der Langsamste, der Schwächste würde zum Sieger gekürt. «Unvorstellbar», wird man sich denken. Aber es gibt traditionelle Kulturen, die der Zeit eine andere Bedeutung beimessen als wir; in denen das Ballspiel so arrangiert wird, dass der Sieger bereits bei Spielbeginn feststeht: etwa das indigene Volk Uitoto in Kolumbien. Der Wert des Spiels bemisst sich dann an der Eleganz der Bewegungen der Spieler. Und es ist offensichtlich, dass in solchen Kulturen das Leben langsameren Rhythmen folgt als in unserer. Wenn Langsamkeit bei uns zu einem zentralen Wert würde, dann müssten wir unseren Lebensstil verändern, und erst dann wäre die Musse in der Gesellschaft und nicht nur an ihrem Rand möglich. Ganz in Eile möchte ich hier auch noch einen weiteren Aspekt erwähnen: Schnelligkeit und Geschwindigkeit haben viel mit Macht zu tun. Wer schneller ist und so zum Sieger wird, der sichert sich auch einen Anteil an der Macht. Wer Macht hat, muss nicht warten; wer mächtig ist, ist in der Regel auch ungeduldig und wird nach noch mehr Schnelligkeit trachten. Er kann seine Macht dazu verwenden, die Ereignisse zu seinen Gunsten zu verändern, was zu einer Beschleunigung des Wandels führt – wenigstens solange die Macht expandieren kann. Der Musse dagegen wohnt die angsterregende Möglichkeit inne, sich vorzustellen, wie das Leben, statt immer weiter verlängert, verlangsamt und so auch intensiviert werden könnte. Diese Art Wandel muss heutzutage mit allen Mitteln der Geschäftigkeit verhindert werden.

Beziehung heisst: Zeit einsetzen

Ich übe einen langsamen Beruf aus; ich bin Psychoanalytiker und kenne auch die unzähligen Witze, die um eben diese Langsamkeit kreisen: dass die Kur so lange dauert, dass keine Leistungsanforderungen erfüllt werden und keinem Programm entsprochen werden muss. Unter diesen Umständen kann jedoch eine neue Art Musse zur Entfaltung kommen. Dabei wird ersichtlich, dass das Netz der Beziehungen, in das man verwoben ist, aus Zeit besteht und Geduld braucht. Beziehung heisst: Zeit einsetzen, damit etwas wächst, sich entwickelt und verändert. Der Lehrer, der sich die Zeit lässt, bei seinen Schülern herauszufinden, was sie für ihre Entwicklung brauchen. Der Arzt, der nicht einfach Symptome sieht, die wegtherapiert werden müssen, sondern die Krankheit als Ausdruck der Lebensform seines Patienten erkennt. Der Architekt, der das, was er baut, mit den Bedürfnissen der Benutzer verknüpft. Der Bauer, der weiss, was ökologisch gut ist. Beziehungen wie diese haben sich vom Effizienz- und Nützlichkeitsdenken emanzipiert. Musse ist eine Art Offenheit. Sie setzt die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis voraus und die Bereitschaft, über sich selbst nachzudenken. Um offen sein zu können, muss man zuerst einmal sich selbst «durchschauen». Das macht Offenheit so schwierig. Aber Selbstreflexion und Selbsterkenntnis gedeihen – im Gegensatz zu Intrigen – nicht gut auf dem Boden der Macht.

Der Raum der Freiheit

Wie Musse lediglich am Rand des gesellschaftlichen Geschehens ihren Platz findet, ist auch Offenheit ein Grenzphänomen: Sie entsteht dort, wo Grenzen aufgehen und sich neue Perspektiven eröffnen. Weil Grenzüberschreitungen aber oft in unbekannte Gebiete mit eigenen Sprachen, Sitten und Gebräuchen führen, braucht es dazu auch Mut. Unvermeidlich muss man sich dann auch einer gewissen Verwirrung aussetzen. Dies alles verweist uns darauf, dass Offenheit nicht von vornherein Klarheit und Eindeutigkeit schafft, sondern sogar im Gegenteil, das «offene» Individuum in eine Krise stürzen kann. Offenheit und Musse sind deshalb nicht einfach etwas Harmloses und rundum Positives. Sie haben ihre Tücken, die man nicht übersehen sollte. Es braucht viel Zeit (und auch Kraft), Konfusionen, Zweideutigkeiten und Beliebigkeiten auszuhalten und diese allmählich zu klären. Wo die Zeit knapp ist, kann man sich Offenheit nicht leisten, denn sie ist ein beschwerlicher und langwieriger Prozess. Je grösser der Erfolgsdruck ist, je schneller man Entscheidungen fällen muss, desto weniger Offenheit ist möglich. Um gute Entscheidungen fällen zu können, wären aber Musse, Langsamkeit und Offenheit nötig. Diese gehören zusammen und schaffen einen Raum der Freiheit.

Mario Erdheim/Tages-Anzeiger

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