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28 Grad sind die Schmerzgrenze

//   21 August 2012  /  Sozial  /  0 Kommentare  /  4435 Aufrufe  //

28 Grad sind die Schmerzgrenze

Die Überhitzung des schmachtenden Bürokörpers, oder: Was die Wissenschaft zu den grenzwertigen Arbeitsbedingungen während der Sommerhitze zu sagen hat.

«Die Mehrheit der Bürogebäude ist für die aktuellen Konditionen nicht gerüstet», sagt Urs Rieder. Zahlreiche Büroangestellte in der Schweiz wissen genau, wovon der Professor für Gebäudetechnik an der Hochschule Luzern spricht. So mancher Arbeitsraum wird bei Aussentemperaturen von 35 Grad und mehr zum Brutkasten. Was gewöhnlich Routine ist, wird in der Hitze zum Ding der Unmöglichkeit: konzentriertes, produktives Arbeiten.

Doch wie schlimm ist die Hitze wirklich für den Organismus? Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind ziemlich eindeutig: Geist und Körper leiden gleichermassen, wenn das Quecksilber steigt. So führen hohe Temperaturen bei Büroangestellten vermehrt zu Kopfweh und Irritationen an Augen, Nase und Hals, wie etwa die dänischen Forscher Witterseh, Wyon und Clausen 2004 in einer Studie zeigten. Die Wissenschaftler schildern darin, wie ihre Probanden bei 30 Grad begannen, «stark im Gesicht zu schwitzen». Laut den Forschern führt starke Bürohitze zu «Schwierigkeiten beim klaren Denken» sowie zu «verminderter Leistungsfähigkeit»: Unsere Unfähigkeit, in der Bürosauna irgendetwas Sinnvolles zu tun, ist also nicht bloss eingebildet.

Die Erfahrung der US-Armee

Gleich mehrere Studien zum Thema führte der finnische Arbeitswissenschaftler Niemala durch. Im Jahr 2002 konnte er zeigen, dass die Arbeitsproduktivität in einem Telekommunikationsbüro um fünf bis sieben Prozent fällt, wenn das Bürothermometer über 25 Grad klettert. In einem anderen Setting kam die Forschergruppe zum Ergebnis, dass die Produktivität mit jedem zusätzlichen Temperaturgrad um 1,7 Prozent abnimmt. Offenbar stören sich weibliche Mitarbeiter weniger an hohen Bürotemperaturen als Männer: Dies fand der Japaner Tanabe 2003 in einer Studie heraus.

Auch die US-Armee hat sich mit hohen Temperaturen beschäftigt. Bereits in den 50er-Jahren hat sie dazu den Wet Bulb Globe Temperature Index (WBGT, «Feucht-Kugel-Temperaturindex») kreiert, der eine Kombination aus Temperatur, Feuchtigkeit, Luftströmung und Sonneneinstrahlung misst. Eine WBGT-Temperatur von 31 Grad gilt seither als Grenzwert für «leichte Arbeit» ohne Pausen. Körperlich schwere Arbeit sollten Arbeiter mit leichter Kleidung gemäss der Richtlinie nur bis und mit 27 WBGT-Graden ausführen. Die Ergebnisse decken sich in etwa mit der Erfahrung des Luzerner Forschers für Gebäudetechnik, Urs Rieder: «28 Grad Raumlufttemperatur gelten als Grenzbereich für die Behaglichkeit», sagt er.

Wie der Körper die Hitze verdaut

Im Gegensatz zu ihren Probanden sprühten die Forscher beim Thema Hitze vor Kreativität. Immer bessere und immer feinere Skalen wurden entwickelt: Sie tragen Namen wie Required Sweat Rate Index (wörtlich etwa: Index der erforderlichen Schwitzrate), Predicted Heat Strain Index (Index der voraussichtlichen Hitzebelastung) oder Thermal Work Limit (Thermische Arbeitsgrenze). Gewissermassen der gemeinsame Fluchtpunkt dieser Indizes ist der Hitzehaushalt des menschlichen Körpers. Übersteigt dessen Temperatur 38 Grad, so tritt nach dem verringerten Denk- und Arbeitsvermögen irgendwann der Tod durch Hitzschlag ein.

In diesem Licht betrachtet, sind Müdigkeit und Denkfaulheit nichts anderes als automatische Schutzmechanismen, die der Körper unter Hitzestress automatisch aktiviert. 65 Prozent der menschlichen Körperwärme werden übrigens durch Strahlung abgegeben, etwas mehr als zwölf Prozent durch physikalischen Wärmetausch mit der Umgebung. Sehr zum Ungemach schmachtender Bürolisten finden die restlichen 23 Prozent der Kühlung über die Verdunstung von Flüssigkeit auf der Hautoberfläche, also über das Schwitzen, statt. Durchnässte Hemden, feuchte Achselhöhlen und klebrige Schreibtischoberflächen zeugen dieser Tage davon.

Ab 32 Grad versagt die Lüftung

Ökonomisch betrachtet erklären Temperaturdifferenzen bis zu 45 Prozent der Einkommensunterschiede der verschiedenen Hauptstädte der Welt. Wie die Amerikaner Choiniere und Horowitz von der Universität Maryland im November 2000 herausfanden, geht ein einprozentiger Temperaturanstieg einher mit einer Verminderung des BIP pro Kopf um zwischen 2 und 2,5 Prozent. Zukunftsforscher kamen sogar auf die Idee, die ökonomischen Folgen des Klimawandels als Konsequenz verminderter Leistungsfähigkeit auszurechnen. Ihnen zufolge würde ein globaler Temperaturanstieg um 1 Grad Celsius die weltweite Wirtschaftsleistung um beinahe vier Prozent schrumpfen lassen.

So gesehen müssten die rund 60 Prozent der nicht mechanisch belüfteten Bürogebäude in der Schweiz schleunigst mit anständigen Klimaanlagen versehen werden: Die ökonomische Räson gebietet es!

Wirklich? Daniel Stadler, Mitglied der Geschäftsleitung bei der Gebäudetechnikfirma ADZ, winkt ab. Ihm zufolge lohnen sich zusätzliche Gebäudeinvestitionen wegen der vier bis fünf heissen Tage im Jahr nur selten. «Die meisten Gebäude sind gemäss Architekten- und Ingenieursnormen für Aussentemperaturen bis 32 Grad ausgelegt», erklärt er. Die akzeptable Innentemperatur liege in diesem Fall bei 26,5 Grad. Steigt das Quecksilber über den Schwellenwert an, so beginnt die Hitze voll ins Rauminnere durchzuschlagen. Nebst den obligaten Lüftungsaktionen am Morgen und dem Senken der Storen hilft dann nur noch, einen kühlen Kopf zu bewahren – denn Hitzeferien für Bürolisten sind noch in keiner Arbeits- oder Ingenieurnorm vorgesehen.

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Kommentare

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08 August 2012, 0 Kommentare
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