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Die ganze Wahrheit über Twitter

//   01 Oktober 2012  /  Social Networks  /  0 Kommentare  /  6426 Aufrufe  //

Die ganze Wahrheit über Twitter

Der Nachrichtendienst hat im vergangenen Jahr einen riesigen Popularitätsschub erfahren – vor allem in der Schweizer Medienszene. Warum Twitter Journalisten unwichtiger, aber den Journalismus besser machen wird.

Früher erregten Schlagzeilen Neugierde, was im Gehirn komplexe Vorgänge aktivierte, sodass man vielleicht den zugehörigen Artikel in der Zeitung suchte und zu lesen begann. Heute geht die Verbindung direkt übers Stammhirn in den Zeigefinger, der den Link antippt. Zum Beispiel diese Schlagzeile: «The Truth about Twitter» lautete sie und mein Zeigefinger zuckte sofort. Was danach kam, war etwas enttäuschend. Denn die Wahrheit, welche das Magazin Business-Insider über Twitter verkündete, war folgende: Twitter ist keine Mainstream-Technologie. Ein wunderbares Produkt, ja, aber nicht zu vergleichen mit anderen Innovationen wie Google, Smartphones oder Facebook, die alle im Mainstream angekommen sind. Aber Twitter nicht.

Das könnte mir ja egal sein. Ich sollte mich sogar freuen. Denn wer will schon zum Mainstream gehören? Aber trotzdem.

Der Mensch neigt dazu, sich zu überschätzen. Oder eher, er neigt dazu, die Bedeutung dessen, was ihm selber gefällt, zu überschätzen. Das kann nerven, aber eigentlich ist es ein schöner Wesenszug. Es hat mit Begeisterungsfähigkeit zu tun, jener zutiefst menschlichen Eigenschaft, die uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Wären wir nicht begeisterungsfähig, würden wir immer noch in Höhlen leben und den ganzen Tag mit uns selbst spielen. Aber heute spielen wir mit Smartphones, das ist der Unterschied, und versuchen andere dafür zu begeistern, was wir selber toll finden. Zum Beispiel Twitter.

So auch ich. Aber es ist gar nicht so einfach. Und manchmal gräme ich mich etwas, dass alle und jeder auf Facebook ist, die meisten aber bloss die Schultern zucken, wenn ich ihnen von Twitter vorschwärme. «Twitter?», sagen sie. «Was soll denn der Witz daran sein, wenn man nur 140 Zeichen zur Verfügung hat? Ein kluger Gedanke in 140 Zeichen? Das ist eine Beleidigung für meine Intelligenz.» Dann sagen sie, dass sie nicht alles mitmachen können und dass sie lieber auf Facebook bleiben. Facebook? Ich bitte Sie. Das ist, als ob jemand sagen würde: Warum sollte ich mir die «Tagesschau» ansehen? Ich habe doch «Glanz und Gloria». Oder: Warum sollte ich dieses neumodische Internet benutzen? Ich habe doch Fernsehen.

Ich kann das verstehen, denn es ging mir genau so. Als mein Chef mich vor zwei Jahren zum WEF schickte, um von dort zu twittern, besass ich noch nicht einmal ein Smartphone. Ich schickte SMS an die Redaktion, die meine Nachrichten in einen Twitter-Account fütterte. Die Twitter-Community, damals eine noch kleinere und eingeschworenere Gesellschaft, verhöhnte mich, weil ich ihre Reaktionen ignorierte – ganz einfach aus dem Grund, weil ich ja gar nicht auf Twitter war und das Medium auch nicht begriff. Was mich übrigens davor bewahrte, den Spott überhaupt mitzubekommen.

Das Problem von Twitter ist, dass man es eine Weile benutzen muss, bevor man es zu verstehen beginnt. Und dann sind die meisten begeistert davon. Vielleicht muss man den nötigen Narzissmus mitbringen, der einen motiviert, möglichst viele Follower zu sammeln, und es hilft sicher, wenn man immer auf die neuesten News aus ist, wie das bei Journalisten in der Regel der Fall ist. Für solche Menschen ist Twitter eine Offenbarung. Ein eigenes Medienunternehmen, mit dem man sich täglich die eigene Zeitung basteln kann oder selber eine Zeitung produzieren, je nach Vorliebe. Ein Internet im Internet, customized auf die eigenen Interessen.

Man kann sagen, dass Twitter in der Schweiz noch ein ziemlich geschlossenes und selbstreferentielles System ist. Journalisten lieben es, sie folgen anderen Journalisten und bestärken sich gegenseitig darin, wie wichtig und vernetzt sie sind. Vielleicht wird Twitter nie eine Mainstreamtechnologie werden – was ja auch nicht weiter schlimm wäre. Für Menschen, die mit Kommunikation und den entsprechenden Technologien zu tun haben, ist es als Instrument bereits unverzichtbar geworden. Das zeigt auch der Popularitätsschub, den Twitter vor ungefähr einem Jahr in der Schweizer Medienszene erfahren hat.

Aber nicht nur für Journalisten ist Twitter ein famoser Spielplatz, auch der mündige Medienkonsument sollte sich freuen. Denn Twitter hat, wie kaum eine andere Technologie zuvor, den Informationsfluss demokratisiert, die Journalisten ihrer privilegierten Position beraubt. Weil heute jeder schnell und einfach Zugang zu relevanten News hat, kann jeder mitreden, die frühere Einwegkommunikation ist aufgehoben. Das ist die grosse Herausforderung für uns Journalisten. Um uns in diesem Umfeld nicht überflüssig zu machen, müssen wir uns mehr anstrengen, dem Leser mehr bieten. Jeder weiss, dass Konkurrenz gut ist für Innovation. Und so glaube ich, dass Twitter der Medienlandschaft letztlich nur guttun kann. Auch wenn es nie eine Mainstreamtechnologie werden wird.

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