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Weggesperrt hinter Mauern des Grauens

//   05 Oktober 2012  /  Religion  /  0 Kommentare  /  3950 Aufrufe  //

Weggesperrt hinter Mauern des Grauens

In den Erziehungsanstalten des tief katholischen Kantons Luzern wurden bis in die 1970er-Jahre Kinder systematisch geschlagen und oft sexuell missbraucht. Zwei Studien haben die Vergangenheit historisch aufgearbeitet.

Er galt als Teufel in Person, der priesterliche Anstaltsdirektor Gottfried Leisibach. Er befahl regelmässig Kinder zur Züchtigung zu sich in seine Wohnung. «Ich wurde zu ihm heraufgerufen, wo er einen unwahrscheinlich scharfen Hund im Zwinger hielt. Dann hat er mich zu ihm gepackt. Der Hund hat getan wie ein Verrückter, die Lippen hat er bis in die Augen nach hinten gelitzt und die Zähne gezeigt. Ich hatte Todesangst.» Leisibach befriedigte sich dabei mit der Hand.

Nachzulesen sind diese und zahlreiche weitere erschütternde Aussagen von ehemaligen Kinderheim-Zöglingen in den beiden letzte Woche erschienenen Studien «Kinderheime im Kanton Luzern» und «Hinter Mauern. Fürsorge und Gewalt in kirchlich geführten Erziehungsanstalten im Kanton Luzern». Die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz (PHZ) und die Universität Luzern verfassten die historische Aufarbeitung im Auftrag des Kantons sowie der Kirche.

42 Interviews mit ehemaligen Heimkindern

In den 15 katholischen Kinderheimen – reformierte gab es nicht – wurden zwischen 1930 und 1970 Tausende Knaben und Mädchen teils brutal geschlagen und sexuell missbraucht. In der Erziehungsanstalt Rathausen, einem ehemaligen Kloster ausserhalb der Stadt Luzern, war es besonders schlimm. Im weitaus grössten Luzerner und einem der grössten Kinderheime der Schweiz herrschte insbesondere in den 30er und 40er Jahren ein regelrechtes Terrorregime. Betreut wurden die über 200 Kinder vom Anstaltsdirektor – einem katholischen Priester – sowie von 19 Ingenbohler Schwestern aus dem Kanton Schwyz.

Aus den 42 Interviews mit früheren Zöglingen verschiedener Luzerner Heime ergeben sich Aufschlüsse über die damaligen Zustände. Politisch verantwortlich war nicht nur die Kirche, deren Bischöfe einen Geistlichen als Direktor für Rathausen vorschlugen. Sondern auch die katholisch-konservative Partei, die heutige CVP, deren Regierungsrat in den Aufsichtskommissionen sass.

Einweisung ins Heim: Der damalige Kinderschutzartikel öffnete der behördlichen Willkür Tür und Tor. Eine grosse Zahl der Kinder kam ins Heim, weil die familiären Verhältnisse sowie die gesellschaftlichen Strukturen es nicht ermöglichten, bei der eigenen Familie aufwachsen zu können. Besonders betroffen waren arme Familien und Kinder von alleinstehenden Müttern. Aber auch Charakter und Verhalten konnten zu einer Versorgung in ein Erziehungsheim führen: «Herumtreiben» auf der Strasse oder selbst der Kauf von Naschereien und Kleidern. Ein Knabe erlebte seine Einweisung ins Kinderheim Mariazell besonders traumatisch. So wurde er direkt von der Polizei in der Schule abgeholt – weil er Bienenwaben gestohlen hatte. «Als ich verhaftet worden bin, haben meine Eltern drei Tage nicht gewusst, wo ich bin.»

Ständige Angst: Viele Heimkinder hatten ein Gefühl von Ohnmacht. Verbunden damit waren Ängste: «Du hattest immer Höllenängste, Ängste, Ängste, Ängste.» Man wagte es nicht, Aussenstehende auf Missstände aufmerksam zu machen. Jene, die es versuchten, trafen auf eine Mauer des Schweigens. Verbreitet war das Gefühl: «Die können alles mit dir machen.»

Gezielte Diskriminierung: Die Heimkinder trugen ständig den Makel ihrer Herkunft mit sich. Ihnen war ihr Platz in der hierarchisch gegliederten Gesellschaft zugewiesen. Die Erziehenden hielten den Kindern immerfort vor, dass sie aus zerrütteten und/oder armen Verhältnissen kamen: «Man hat mir immer gesagt, ich würde mal Zuchthüsler – ich bringe es zu nichts.» So wurden die Kinder systematisch daran gehindert, eine Ausbildung entsprechend ihren Fähigkeiten zu machen. Kein Wunder, denn ein sozialer Aufstieg war nicht vorgesehen: Die Kinder sollten schliesslich in erster Linie zu guten Dienstboten sowie zu landwirtschaftlichem Hilfspersonal erzogen werden.

Essenszwang und -entzug: Traumatisierend wirkte sich dieses von den Schwestern bewusst eingesetzte Strafmittel aus. «Die eine Schwester hat mir den Mund aufgemacht und die andere hat es hineingeleert. Mir ist so schlecht geworden, dass ich auf den Tisch erbrechen musste – und nachher wurde mir das Erbrochene wieder eingelöffelt.» Bei armen Kindern, die nicht auf «Fresspäckli» zählen konnten, wirkte sich der Essensentzug besonders hart aus: «Man hatte immer Durst und Hunger.» Als einmal das Nacht- und Morgenessen gestrichen wurde, fielen die Kinder in Ohnmacht. «Und dann ist eins ums andere unter die Bank gefallen. Schwarz geworden.»

Redeverbot: Unterhaltungen wurden von den Schwestern grundsätzlich unterbunden, es gab kaum Orte, an denen die Kinder unbefangen miteinander reden konnten. Selbst der ein- und ausgehende Briefverkehr wurde überwacht: «Einmal musste ich auf Anweisung der Schwester schreiben: Es gefällt mir sehr gut in Mariazell.»

Strafen: Bestrafungen waren ausgeklügelt und reichten von Drohungen bis hin zu Massnahmen, die heute als Foltermethoden gelten. Die Drohung einer Versetzung in ein anderes Heim war ausserordentlich grausam. Oft blieb es nicht dabei. «Da war mein grosser Bruder. Ich habe mich an ihn geklammert. Dann kam diese Schwester und riss ihn mir weg. Ich habe ihn nie wieder gesehen.» Später wurde dem Kind auch noch der zweite Bruder entrissen. Andere verschwanden plötzlich, ohne dass man die Geschwister darüber informierte.

Das Bettnässen wurde vielfach bestraft: Schläge, Essensentzug oder eiskalte Bäder. Ein Kind erinnert sich, dass Anfang der 60er-Jahre Bettnässer zur Strafe im Schweinestall eingesperrt wurden. Das Einschliessen in Kellern, Putzkammern, Schränken oder regelrechten Verliesen war sowieso ein beliebtes Strafmittel. Als «Verbrechen» galt oft schon, wenn ein hungriges Kind einen Apfel oder ein Stück Brot stibitzte. In Rathausen wurden die Kinder bis zu vierzehn Stunden in den «Chrutzi» gesperrt. «Es war ein Raum mit ganz dicken, dicken Mauern, einem winzig kleinen Fenster und ohne Licht. Wenn der Eimer fehlte, musste die Notdurft auf dem Boden verrichtet werden.»

Eine weitere traumatisierende Bestrafungsart war das Untertauchen in einem Bottich. Es erzeugte Todesängste, die teilweise bis heute nachwirken. «Die hat dich gepackt und unters Wasser gedrückt, bis die Luftblasen weg waren und du keine Regung mehr gemacht hast, dann hat sie dich rausgerissen und auf den Boden geworfen, wo du Wasser erbrochen hast.»

Sexueller Missbrauch: Dieser wurde in allen Heimen festgestellt – wobei es sich bloss um die «Spitze des Eisberges» handeln dürfte, wie es in der Studie heisst. In Rathausen waren es beispielsweise zwei Direktoren und mindestens eine Schwester. In Mariazell eine Schwester, in Malters ein angehender Priester – zwei von ihm missbrauchte Brüder nahmen sich später das Leben.

Die Schweigegebote der Täter, nicht über den sexuellen Missbrauch zu sprechen, aber auch die jahrzehntelange Ignoranz der Politik ebenso wie der Gesellschaft entfalten bis heute eine besondere Macht. «Mit dem Hören auf das, was die ehemaligen Heimkinder zu erzählen haben, wird mit machtvollen Strukturen gebrochen, die zu dem Bedingungsgefüge gehörten, das die Gewalt in den Heimen erst möglich machte», schreiben die Studienautoren. Luzern ist der erste Kanton, der die Problematik der Kinderheime historisch aufarbeiten liess. Insofern nimmt er eine Vorbildfunktion ein.

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Kommentare

kreuz.net – die katholisch fundamentalistische „Nachrichtenseite“
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05 Oktober 2012, 0 Kommentare
kreuz.net – man kann es kaum glauben, dass es so etwas gibt ! Die katholisch fundamentalistische „Nachrichtenseite“
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